Liebe Freundinnen und Freunde der Buchhandlung SeitenBlick, liebe Lesende
Herr Weiss hat eine beeindruckende Autobiographie geschrieben, in die er Elemente einer Familienchronik mit einfließen ließ. Das betrifft besonders den ersten Teil, in dem er seinen Vater und dessen Arbeit als Atomwissenschaftler respektvoll darstellt. Man erfährt Wissenswertes und Interessantes über das Leben der Familie Weiss zum Ende des Zweiten Weltkrieges, den Aufenthalt der Familie in der Sowjetunion und die Rückkehr in die DDR aus freien Stücken.
Von da an steht die Person Cornelius Weiss allein im Focus des Buches. Schon in der SU begann er mit dem Studium der Chemie, das er dann in Leipzig fortsetzte. 1958 schrieb er seine Diplomarbeit, die mit vier Zweien in den Hauptfächern für ihn eher negativ ausfiel.
In der Folge interessierte er sich zunehmend für die Grundlagenforschung. Damit konnte man in der DDR zwar keine Meriten erwerben, andererseits war sie staatlicherseits kaum reglementiert. Man konnte also seiner eigenen wissenschaftlichen Neugier nachgehen. „Und diese Neugier, die ewige Frage WAS IST HINTER DEM HORIZONT?, ist, das lehren jahrhundertelange Erfahrungen, die eigentliche Triebkraft, die Menschen dazu bringt, auf die höchsten Berge zu steigen, sich in viel zu kleine Boote zu setzen, und neue Kontinente zu entdecken – oder eben Wissenschaft zu treiben.“
Das Buch beinhaltet viele sozialkritische Aspekte. Kritisiert wird der Sozialismus bzw. das, was in Ostdeutschland daraus
gemacht wurde. „In meinen Augen hatte sich der real existierende Sozialismus der DDR mit der Kirchensprengung (Leipzig 1968) und dem Einmarsch in die CSSR endgültig erledigt“.
Ebenso werden Aspekte der Wiedervereinigung in Frage gestellt. So hätten maßgebliche Leuten aus dem Westen behauptet, an den DDR-Universitäten sei nicht nennenswert geforscht worden. Man verstieg sich sogar zu dem unsäglichen Generalverdikt von der Wissenschaftswüste Ostdeutschland! „Es empört mich noch heute, dass das wiedervereinigte Deutschland, eines der reichsten Länder Europas, so schäbig mit seinen neuen Bürgern umging“.
Andererseits ist es ein durch und durch optimistisches und lebensbejahendes Buch. Auch um die jüngere Generation ist dem Autor nicht bange. In diesem Sinne noch ein abschließendes Zitat des ehemaligen Rektors der Universität Leipzig: „Ich fühle mich in meiner Ansicht bestätigt, dass die heutige Jugend um keinen Deut dümmer, fauler und zynischer ist, als wir es selbst waren. Dass sie sich auf ihre eigene Weise artikulieren, dass sie anders aussehen, dass sie Tattoos und Piercings tragen, ist kein Grund zur Aufregung. Sie wollen sich doch nur – wie zu unserer Zeit auch wir – von der Elterngeneration emanzipieren“.
Ich habe es gern gelesen, ein durchweg unterhaltsames Buch, das ich gerne weiter empfehle.
Steffen Kappelt
Cornelius Weiss: Risse in der Zeit; 368 S., Rowohlt 2012, 19,95€